[Record Review] The Amity Affliction - Everyone Loves You... Once You Leave Them

Mit „Everyone Loves You Once You Leave Them“ veröffentlichen The Amity Affliction ihr neues und somit siebtes Album, welches am 21. Februar 2020 über Pure Noise Records erscheint und zeigen sich damit sowohl von der gewohnten als auch einer neuen Seite.

Das Album selbst scheint wie immer eine vollkommen eigene Geschichte zu erzählen, die einem erst beim näheren Hinhören bewusst wird.
 Es zeigt sich stets von seiner besten Seite, wechselt knüppelharten Post-Hardcore mit doch melodischeren Songs ab, nur um wieder zu dem düsteren, grungigen Charakter zurück zu finden.

Mit dem Song „Coffin“ haben The Amity Affliction einen hervorragenden Einstieg gefunden, den man mit einem guten Freund vergleichen könnte, der einem etwas Neues aber vielleicht schon in der Art Bekanntes zeigen möchte. „Coffin“ startet ruhig, zeigt aber schnell den gleichen, knallharten und grungigen Charakter wie die Vorab-Singles „All My Friends Are Dead“ und „Soak Me In Bleach“.

„All I Do Is Sink“ hingegen zeigt sich doch wieder von der sanfteren Seite und erinnert an den schon fast typischen, nicht ganz so düsteren Stil der Band von wechselnden Screampassagen und melodischem Klargesang.

Einen doch anderen Stil bringt schließlich „Baltimore Rain“ mit sich, der sich zu Anfang so gar nicht nach dem Quartett anhört, aber doch schnell davon überzeugt, dass er auf der Platte definitiv seinen Platz gefunden hat. „Aloneliness“ tut es seinem Vorgänger fast gleich, unterscheidet sich aber dennoch durch seine anderen Melodien sehr davon. Der Song bringt eine gewisse Ruhe mit sich, die dem doch sehr düsteren Album eine kleine Ruhepause gönnt, um die Gedanken und Gefühle wieder zu ordnen.

Allerdings wird diese fast schon entspannende und beruhigende Pause schnell von dem gewohnten Stil abgelöst und bricht mit „Born To Lose“ schließlich die letzte Barrikade um wieder düsterer und vor allem härter zu werden. Besonders zeigt der Song eine Seite, welche The Amity Affliction doch eher selten zum Vorschein bringen. Die Screams haben zum Teil einen beinahe wahnsinnig klingenden Unterton, welcher die Gefühle und Lyrics nur noch stärker hervorhebt.

Mit „Fever Dream“ könnte man zunächst meinen, dass der Sturm von „Born To Lose“ vorüber gezogen ist, doch schnell zeigt sich, dass dieser Song eher das Gegenteil bewerkstelligt. Trotz der ruhigeren Melodie und dem weniger heftigen Gesang zeigt „Fever Dream“ seine Power und leistet somit einen unglaublich angenehmen Einstieg für den Abschluss des Albums.
Die Single „Catatonia“ hingegen bricht gegen Ende des Albums mit aller Kraft hervor und zeigt doch einen starken Kontrollverlust über die eigenen Emotionen. Die Verzweiflung und Hilflosigkeit mit all dem Geschehenen klar zu kommen, bringt der Song auf seine ganz eigene Art und Weise rüber und lässt einem mit einem Berg an Emotionen und Gedankengängen zurück.

Mit „Everybody Loves You Once You Leave Them“ haben The Amity Affliction definitiv ein Album geschaffen, welches sich absolut sehen lassen kann und auch den gewohnten Stil der Band nicht vernachlässigt. Trotzdem zeigt sich der Mut zu etwas Neuem und das mit vollem Erfolg.
Für manche könnte die doch düstere und härtere Stimmung zunächst abschreckend wirken, allerdings hat auch dieses Album definitiv Songs, die schon frühere Fans begeistern wird.

https://www.youtube.com/watch?v=iF6tDQiQJm4

Fotocredits: Pure Noise Records


[Record Review] ITCHY - Ja als ob!

WAS SOLL UNS SCHON PASSIEREN?

Unter dem Motto haben ITCHY nun ihr achtes Album veröffentlicht – erstmals auf deutsch. Dass sie damit ein Wagnis eingehen, wusste die Pop-Punk-Band ganz offensichtlich. Umso interessanter war es für uns, was bei dem Experiment wohl herauskommen würde.

Ganz in alter ITCHY-Manier kommt die neue Musik daher – und doch irgendwie anders.

Allem Anschein nach hat die Band sich diesmal von verschiedener, vor allem deutscher Musik inspirieren lassen: zeitweise erinnern sie an die Rockband Madsen (wie der Song „Godzilla“) dann schwingt plötzlich was von deutschem Hip-Hop à la Fettes Brot mit („Ja als ob“). Am Ende klingen sie dann aber doch ganz wie sie selbst.

Schonungs- und kompromisslos und mit einer ordentlicher Portion Ironie kommentieren sie das aktuelle Zeitgeschehen. Beispielsweise in „Nicht weg“, einem klaren Aufruf, sich gegen rechtsextreme Tendenzen in der Gesellschaft zu stellen, anstatt wegzusehen. „Beyonce & Jay-Z“ hingegen handelt von der ständigen Reizüberflutung mit schlechten Nachrichten, vor allem auf Social Media.

Schon das letzte Album der Band war recht politisch – und „Ja als ob“ steht dem in nichts nach.

Außerdem erzählen die Jungs selbstironisch von ihren eigenen Fehlern.

Leider passt an manchen Stellen die Rhythmik des Textes nicht ganz zur Melodie; gerade beim Opener „Faust“ fällt das auf. Vielleicht muss man sich hier noch an deutsches Songwriting gewöhnen. Andererseits ist das genau die Schwierigkeit dabei: deutsche Texte nimmt man als Muttersprachler völlig anders wahr, jede kleine sprachliche Unbeholfenheit springt direkt ins Auge. Außerdem zeigen andere Tracks auf dem Album, das sie es durchaus können, so wie „Ich wollte noch“.

Nicht überall ist ITCHY dieses Experiment also ganz gelungen. Dafür bietet das Album sound-technisch durchaus eine gewisse Vielfalt und bringt, vor allem gegen Ende des Albums, einige starke Songs hervor ( z. B. „Wo seid ihr denn alle“). Der Experimentrierfreudigkeit, die sich auch schon auf „All We Know“ zeigte, wurde hier weiter freien Lauf gelassen.

„Ja als ob“ ist auf jeden Fall nicht, was man von der Band erwartet hatte. Daher brauchte es einige Male, bis das Album mich überzeugte. Aber es zeigt, dass die Band durchaus auch Potential in Sachen deutscher Musik hat.

 

https://www.youtube.com/watch?v=hNO7KuWtFrM

FotoCredits: Diana Mühlberger