[Interview] Fräulein Kunst und Tinte

Wie Susi gegen die Erwartungen ihrer Eltern und ihres Opas, aus einem Spaß heraus ihren Beruf fand und warum ihr ein Kunde in ihrer Ausbildung vom Stuhl gekippt ist erfahrt ihr im Interview mit Fräulein Kunst und Tinte.

Stell dich einmal kurz vor! 
Mein Name ist Susi und unter dem Künstlernamen Fräulein Kunst & Tinte verschönere ich seit mittlerweile 6 Jahren die Astralkörper der Leute. Mit 19 Jahren „irgendwie da rein gerutscht“ habe ich darin meine Passion gefunden und sehe mich seitdem selbst weniger als Dienstleister, sondern mehr als freien Künstler der zusammen mit den Menschen, in allen Ecken ihres Gehirns, nach individuellen Motivideen sucht. Zusammen mit meinem Mann Markus ( Sio Motion // The Desaster Area ) habe ich im August 2015 ein eigenes Atelier in Jena eröffnet, dass uns Beiden genug Raum bietet sich kreativ auszutoben. Ansonsten gibts nicht viel über mich zu sagen: ich essen gerne und viel, bin ne typische Catmom und streame Games auf Twitch.tv – alles Sachen denen ich während der derzeitigen Covid-19 Arbeitssperre für Tätowierer besonders viel Aufmerksamkeit schenken kann.

Wie kamst du zum Tätowieren?
Nachdem ich mit 18 Jahren mein Abitur gemacht habe, wusste ich irgendwie nicht so richtig wohin mit mir. Vor allem mein Opa war mächtig stolz und hat mich schon als erste studierte in der Familie gesehen, aber ich konnte mich nicht so recht seinen Wünschen nach einem Studium beugen. Die Aussicht darauf die nächsten Jahre weiter die Schulbank zu drücken, schienen mir nur wenig attraktiv. In der Zeit habe ich mich auch das erste Mal tätowieren lassen, woraufhin 3 weitere Tattoos in einem Monat folgten. Ich hab immer schon gerne gezeichnet und mich mit meinem damaligen Tätowierer auch gut verstanden, weshalb ich da irgendwie so reingerutscht bin. Der richtige Startschuss fiel allerdings als mein Paps unbedachterweise sowas äußerte wie „Wenn du dich weiter so viel tätowieren lässt, dann nimmt dich kein Arbeitgeber mehr. Da kannste nur noch selber sowas machen.“ Fanden meine Eltern am Anfang gar nicht so prickelnd, dass ich das ernst genommen und mir ein Studio gesucht habe, welches mich ausbildet.

Was ist dir wichtig an und bei deiner Arbeit?
Das Wichtigste für mich ist es individuelle Motive zu designen. Ich kann die Leute nicht verstehen die mit nem gegoogletem Tattoobild zu nem Artist rennen und dieses 1 zu 1 auf ihre Haut übertragen haben wollen.. Alle wollen immer einzigartig und auffallend besonders sein, weshalb ich mich Frage: Wo ist da der Sinn?
Ansonsten will ich einfach nur ne coole Zeit haben, ich betrachte es als Ehre, dass so viele Menschen zu mir kommen und meine Kunst unter ihrer Haut wertschätzen. Ich kann nur hoffen, dass es für immer so bleibt.

Erzähl uns von deiner lustigsten oder komischsten Kundenstory!
Ich habe während meiner Ausbildungszeit mal Jemandem einen Gapfiller zwischen die Schultern verpasst. Der Typ war ungelogen so breit wie er hoch war, ein richtiger Schrank. Schon gut zutätowiert, hat er auf mich gewirkt wie ein riesiger Koloss.
Ich hatte ihn damals auf einen normalen Stuhl gesetzt, weil mir das vollkommen ausreichend erschien. Ich war also guter Dinge, bis er immer wieder langsam begann sich nach vorne zu beugen. Ich fragte ob alles okay wäre und sagte, dass er nicht immer vor mir wegrutschen dürfe. Er entschuldigte sich und betonte wie angenehm das Gefühl sei, nicht zu vergleichen mit anderen Stellen wie zb die Schienbeine.. Tja, es hat jedenfalls nicht lange gedauert bis dieser riesige Typ mir einfach vornüber wegkippte. Einfach weggetreten. Das dumpfe Geräusch beim Aufprall werde ich nie vergessen. Ich wusste, dass ich nicht lachen durfte, aber diese Szene wirkte so surreal auf mich. Seitdem weiß ich, dass ich auch die zugehacktesten Schränke lieber auf ne Liege lege und mich nicht mehr vom „starken Mann“ gehabe täuschen lasse.
Versteht mich nicht falsch- es ist niemals lustig oder schlimm, wenn Jemandem unwohl beim tätowieren wird. Aber die Tatsache, dass dieser Riese vor mir keine Schwäche eingestehen wollte, war irgendwie doof. Btw ist er immer noch ein Stammkunde und wir lachen heute gemeindam über diese Erinnerung.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben und wie kam dieser?
Ich persönlich finde es schwer meinen Stil zu beschreiben, er ist ne Mischung aus Dotwork, Linework, Neotraditional und manchmal auch ein bisschen ornamentisch. Am liebsten arbeite ich entweder nur mit einer Farbnuance oder ganz in schwarz/ weiß.
Es gibt einfach so viele großartige Tattooartists deren Arbeiten ich gerne verfolge und mich von ihnen inspirieren lasse, da kam ich wohl nicht umhin mir so einen Mischmasch Stil anzueignen.

Warum sollte man von dir ein Tattoo bekommen?
Puuuh.. das ist ne harte Nuss an Frage auf die ich selber keine Antwort kenne. Wie schon erwähnt empfinde ich jedes Tattoo, das ich stechen darf, als große Ehre. Da müsstet ihr also eher meine Kunden fragen warum sie immer wieder so gern zu mir kommen.

Was ist dein Zukunftsziel mit deiner Karriere? 
Das Ziel worauf ich hinarbeite, ist es tatsächlich die Möglichkeit zu haben noch bis ins hohe Alter erfolgreich tätowieren zu können. Ich stelle es mir super lustig vor irgendwann mal 70 Jahre alt zu sein und immer noch die jungen Hüpfer mit Farbe unter der Haut zu versorgen, während ich ihnen Yoda-Like irgendwelche Lebensweisheiten mit auf den Weg gebe. Son bisschen Herbert Hoffmann like ( nicht dass ich mich jemals mit sojemandem vergleichen könnte ).

Lieblingstattoo(an dir)?
Mein liebstes Tattoo an mir selbst ist mein Skateboard fahrendes und Eiscreme schleckendes Faultier auf meinem Schienbein. Warum? Weil es tatsächlich eine Art Selbstportrait darstellt und mir immer zeigt wer ich bin.

Lieblingsbands?
Meine Lieblingsmusik kommt derzeit von The Plot in You, Imminence und zum abschalten höre ich gerne alt-J.
Allgemein bin ich aber ziemlich breit gefächert und lass mich immer gerne von den Künstlerradios auf Spotify für Neues begeistern.

Lieblingsvideospiel?
Mein all time favorite ist wohl Rainbow Six Siege, zumindest hält sich das Game seit Jahren auf meiner PS. Aber auch hier ist das Zauberwort Abwechslung- von Klassikern wie Zelda, über Storyline basierte Spiele wie Death Stranding bis hin zu Neuerscheinungen auf der Konsole wie Hunt: Showdown wird alles zelebriert.

Lieblingsfestival?
Ich glaub von allen Festivals auf denen ich früher unterwegs war, hatte ich die beste Zeit auf dem Full Force. Ich erinnere mich da auch direkt an Heaven Shall Burns Auftritt zurück, bei dem während der Song „Endzeit“ gespielt wurde, einfach die Welt um uns herum unter zu gehen schien. Mit 51 Verletzten durch Blitze war das zwar sau gefährlich, aber auch cool genug, dass es sich für immer in mein Hirn eingebrannt hat.

Lieblingsklamottenlabel?
Die Frage kann ich leider nicht beantworten, da ich nicht so sehr fokussiert auf einzelne Labels oder Marken bin. Ich unterstütze und kaufe was mir gefällt und versuche meinen Kleiderschrank abwechslungsreich zu halten.

Lieblingssong/Album?
Zu meiner heavy rotation während langen Autofahrten gehört der Song „Doomsday“ von Architects und das Album Phoenix von Alazka ( obwohl ich hier besonders gespannt auf ihren neuen Stuff bin )

Was möchtest du zum Schluss unseren Lesern sagen?
Seid nicht so doof und lasst euch von Dienstleistern (die sich unverdienter Weise Tätowierer schimpfen) Copycats unter die Haut stechen. Geht zu Leuten die genug Passion und Können mitbringen, um euch individuellen Shit zu designen. Geht zu richtigen Künstlern die sich nicht auf den Lorbeeren Anderer ausruhen und selbst kreatives Leisten können. Thats it.


[Interview] Tobias Schneider

Wie Tobias vom Hobby-Kritzeln mit der Maschine über WG-Zimmer Tattooeinlagen zu seinem Beruf kam, wie er seiner Meinung nach das perfekte Arbeitsklima herstellt und von seinem weiterlaufenden Weg der Stilfindung könnt ihr hier im Interview lesen!

Stell dich einmal kurz vor! 
Hi, ich bin Tobias Schneider, 28 Jahre jung und komme ursprünglich aus der schönen schwäbischen Stadt Ulm, wohne aber seit 6 Jahren in Berlin.

Wie kamst du zum Tätowieren?
Vor 7 Jahren habe ich aus Spaß mit einer Maschine angefangen, an mir selbst das Tätowieren zu üben. Allerdings bestand damals keine Intention, das als Beruf auszuüben. Irgendwann habe ich allerdings in meinem WG-Zimmer meine Freunde tätowiert und dann kam relativ kurzfristig doch der Entschluss, eine Ausbildung zum Tätowierer zu beginnen. Ich habe mich in mehreren Studios mit einer Mappe beworben und habe dann schlussendlich in unserer Hauptstadt ein Studio gefunden, welches mich aufgenommen hat. Dort war ich allerdings nur für ein paar Monate, da ich aus persönlichen Gründen das Studio gewechselt habe.
Vor anderthalb Jahren habe ich dann mit einer Freundin zusammen ein eigenes privates Studio in Kreuzberg eröffnet.
Was ist dir wichtig an und bei deiner Arbeit?
Wichtig ist mir, dass man als sich „Kunde“ wohl in unserem Studio fühlt und sich ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Kunden und mir aufbaut. Allerdings versuche ich, die Distanz dennoch zu wahren, sodass ein professionelles Arbeitsklima herrscht.
Wie würdest du deinen Stil beschreiben und wie kam dieser?
Angefangen habe ich mit Traditionals. Als ich die Ausbildung angefangen habe, kamen dann natürlich Sachen wie Schriftzüge, Unendlichkeitszeichen etc hinzu. Als ich das Studio gewechselt habe, bin ich dann eine komplett andere Schiene gefahren. Ich habe damals viel Dotwork, Blackwork und Mandalas gemacht. Damals war das der letzte Schrei und irgendwann hat es mich dann doch sehr gelangweilt und war auch zu einem gewissen Zeitpunkt sehr anstrengend, da man damals noch keine Ipads hatte, mit denen man relativ zügig ein Mandala entwerfen konnte. Ich habe bevor es diesen technologischen Fortschritt gab, noch alles per Hand gezeichnet. Mittlerweile tätowiere ich aber fast ausschließlich wieder Traditionals.
Meine Findungsphase war sehr lange, aber ich denke, dass ich immernoch nicht genau weiß, wohin die Reise geht. Man lernt ja schließlich nie aus.
Warum sollte man von dir ein Tattoo bekommen?
Ich sehe mich nicht in der Position zu sagen, dass man sich UNBEDINGT ein Tattoo bei mir abholen lassen soll. Wenn man als Kunde meine Arbeiten mag und mir freie Hand lässt, dann reicht mir das schon.
Was ist dein Zukunftsziel mit deiner Karriere?
Ein wirkliches Ziel habe ich nicht wirklich. Ich möchte einfach nur tätowieren, so lange es eben geht.
Lieblingstattoo(an dir)?
Mein Lieblingstattoo ist mein Backpiece von Marcos Ortega (auch aus Berlin). Ich habe mir ein klassisches Design von Bert Grimm tätowieren lassen, welches sich Sundance nennt.
Lieblingsbands?
Lieblingsbands gibts viele. Ich habe mich für Musik erstmals auf einem Hardcorekonzert von Death Before Dishonor interessiert. Auch wenn ich die Band nicht höre, hat mich der Stil damals sehr geprägt. Ich höre mittlerweile weniger Hardcore, aber mein all time favourite ist TURNSTILE. Momentan höre ich aber lieber Hip Hop. Spotify sagt, dass Kanye West mein Lieblingskünstler ist. Auch Kaytranada ist super!
Lieblingsvideospiel?
Ich hab früher viel gezockt, mittlerweile eher weniger. Aber wenn ich die Zeit finde, dann zocke ich Battlefield 5.
Lieblingsfestival?
War nie wirklich der Festivalbesucher. Ich brauch ne Dusche und ein Bett.
Lieblingsklamottenlabel(Fokus liegt hier auf Independent Labels)?
ZIRKUS ZIRKUS
Lieblingssong/Album?
KANYE WEST – LIFE OF PABLO
Die Fotos hat uns Tobias Schneider zur Verfügung gestellt.